ISSN 2359-4101

Brazilian Literature in Translation / Literatura Brasileña en Traducción

Issue / Numero

year/año: 2012
issue/numero: # 02



Das Dach und der Geiger


Author | Autor: Cintia Moscovich


Translated by Enno Petermann

Für Rosa Soirefman und
Rosa Moscovich, Großmütter


Wir müssen an den freien Willen glauben.
Wir haben keine Wahl.
I.B. Singer


„Schmutzige Jüdin.“



Ich, die ich nie ernsthaft erlebt hatte, was es hieß zu sein, was ich war - denn ein Mädchen von neun Jahren ist eben nur neun Jahre alt -, war von einem Augenblick zum anderen eine Jüdin und auch noch schmutzig - der Hass in Paulas Mund machte die beiden Wörter gleichwertig. Hilflos blieb ich stehen, stand da wie angewurzelt und sah das Mädchen an, dessen Stimme plötzlich so mächtig dröhnte, als verkündete sie die Wahrheit. Ohne es zu ahnen, weder sie noch ich, gehorchten wir alten Überlieferungen - ein Wissen, mit dem die Bösen schon zur Welt kommen. Vor Hass Funken sprühend, dass man ihn fast in ihren schwarzen Augen knistern hören konnte, wiederholte Paula die Beleidigung, wobei sie sie schleppend skandierte:
  schmut-zi-ge-Jü-din.
  Da brach in mir zum ersten Mal eine tiefe, blutige Wunde auf, ein Blutsturz aus Wut und Schmerz, zu groß für den Geist eines kleinen Mädchens. Und das Kind, das ich war, fand noch den Mut zur frechen Pose, beide Hände in die Seiten gestemmt, und fand noch die Eingebung zu erwidern:
  „Und du bist eine Idiotin. Und eine Ziege.“
  Rasch gehorchte auch ich, wie sie, alten Überlieferungen - nach meinem Rechtsgefühl war es schlimmer, eine Idiotin zu sein und obendrein eine Ziege als schmutzig zu sein. Und die Inbrunst, mit der ich sie beschimpfte, erweckte in mir einen neuen Sinn für die Wahrheit, eine Wahrheit, deren Schöpferin letztlich auch ich sein konnte. Ich hob die Puppe vom Boden auf, kämmte mit den Fingerspitzen den sehr blonden, sehr symmetrischen und jetzt zerwühlten Schopf: Es betrübte mich, dass meine Suzi der unschuldige Grund der Auseinandersetzung gewesen war. Dann drehte ich Paula und ihrem schäbigen Puppenhaus aus blau bemaltem Holz den Rücken zu und stieg mit großen Schritten die Stufen des Gebäudes hoch. Wütend stieß ich die Tür zum Wirtschaftsbereich unserer Wohnung, die stets unverschlossen war, auf.
Schmutzig, das war sie. Und ihre ganze Familie. Und die Kinder, Enkel und Urenkel, die sie haben würde.


  Seit dem Tod meines Großvaters und seit sie bei uns lebte, nahm meine Großmutter, was auch um sie her geschehen mochte, die immergleiche Haltung ein: auf der Sofakante sitzend, die Füße nebeneinander, den Ellbogen auf das Knie gestützt, ließ sie das Kinn in der Handfläche ruhen. In diesen Stunden verlor sich ihr Blick in einer von blauen Blitzen durchzuckten Ferne, starr in der Unbestimmtheit desjenigen, der in einer Nische der Zeit verborgene Erinnerungen zu Tage fördert. Die Reglosigkeit jener Momente wurde stets von einem langen - ach, so langen - Seufzer beendet, der in einem oj, weh is mir gipfelte, dem Klagelied der Juden auf der ganzen Welt. „Ich Arme“, bemitleidete sie sich. Wie traurig war das.
  Im Wohnzimmer traf ich sie in der üblichen Stellung an, als sie ihre Reglosigkeit gerade mit einer Klage unterbrach, die in recht weit entfernte Epochen zurückreichte. Ich setzte mich neben sie auf das Sofa, zog einen Schmollmund und erzählte:
  „Großmutter, man hat mich eine schmutzige Jüdin genannt.“
  Sie, der nie das Mindestmaß an Takt gefehlt hatte, sah mich verdutzt an: 
  „Wer?“
  „Wer?“, war eine Frage mit breitem Spektrum. Sie konnte auch bedeuten, „warum?“ Noch immer gekränkt, antwortete ich, Paula, das Mädchen, das in der dreihundertvier wohne, wolle, dass meine Suzi beim Spiel mit dem Puppenhaus die Angestellte sei. Großmutter, die schon von weitem witterte, wenn solche hierarchischen Einteilungen böse gemeint waren, murmelte ein Schimpfwort auf Jiddisch. Dann sprach sie langsam, damit ich es begriff:
  „Du bist das sauberste Mädchen auf dieser Erde. Sie aber ist meschugge. Hast du verstanden?“
  Paula war nach Aussage meiner Großmutter verrückt - im alten Dialekt ausgesprochen, wog die Beleidigung viel schwerer. Die Welt hatte sich wieder geordnet, die furchtbaren Geschichten, die ich immer hörte, hatten einen umfassenden Sinn angenommen. Meine Suzi im Arm, legte ich den Kopf auf Großmutters Beine und atmete den Duft der Jasminblüte - ein Geschenk, das die Nachbarin ihr jeden Morgen machte und das sie kokett stets im Büstenhalter trug. Sie schob die knotigen Finger in mein Haar, das gelockt war wie ihres: aus einer sorgfältig geteilten Strähne flocht sie ein und denselben Zopf immer wieder neu. Durch ihre wiederholten Seufzer wusste ich, dass sie besorgt war - so sehr, dass sie jene Geschichte von Kosaken mit Säbeln auf ihren Pferden wach zu rufen begann. Besser, ich hätte ihr nicht von dem Streit erzählt: in der Ärmsten lebte ein großer Schmerz wieder auf. Ich wollte nicht, dass sie litt.
  Und auch ich flocht und löste einen Zopf in Suzis Haar. Ein Seufzer, der meine Liebkosungen unterbrach, machte mich meiner Großmutter gleich: Ich hasste Paula genauso, wie sie die Kosaken hasste.
  Am Abend, als Vater und Mutter gekommen waren, versammelten die Erwachsenen sich zu einer aufgeregten Beratung im Esszimmer: die Großmutter berichtete von meiner ersten Auseinandersetzung, während ich auf dem Stuhl neben Vater Suzi schützend an die Brust presste. Meine beiden Brüder, die vom Fußball kamen und mit Freudengeheul durch den Hintereingang hereinstürmten, wurden zu der Sitzung hinzugerufen - und sie sollten mit dem Radau aufhören, es handele sich um eine ernste Angelegenheit. Die geröteten Gesichter schweißbedeckt, nahmen sie Platz: sie waren ganz ernüchterte Fröhlichkeit.
  Vater strich mit beiden Händen über das Holz der Tischplatte, seine Augen glühten vor Empörung. Abermals erinnerte er an jene Geschichte, die unser ererbter Schrecken war: der Hass, die Verfolgungen, die sinnlosen Toten und - Schrecken aller Schrecken - wie das Haus und die Familie der Großmutter bei einem Pogrom zerstört wurden, einem von denen mit Kosaken auf ihren Pferden. Unser Großmütterchen gab einen weiteren Seufzer von sich, die Augen verloren sich wieder in bläulichem Geflacker. Vater verlieh seiner Stimme einen feierlichen Ton:
   „Ab heute spricht keiner von uns mehr mit dieser kleinen Antisemitin“, bemühte er sich, seine Patriarchenrolle auszufüllen. Während er mich mit zärtlicher Zustimmung ansah, streichelte er mein Haar und das meiner Puppe.
   „Es war richtig, dass du diese Ziege eine Ziege genannt hast. Man darf sich nicht beugen oder gar schämen.“
   Mutter erläuterte:
   „Wenn du dich zu tief bückst, sieht man den Schlüpfer.“
   Großmutter machte pü-pü-pü, eine Andeutung des dreimaligen Ausspuckens, das die Anwesenheit des Teufels vertreiben sollte.
   Von diesem Moment an wurden wir Kinder uns bewusst, welche Schmach es war, gedemütigt zu werden. Es war genauso würdelos, wie den Hintern zu zeigen. Wenn wir uns zum Schlafen fertigmachten, sagte Vater immer, das Leben werde am nächsten Tag beginnen. Der Satz wurde auf Italienisch vorgetragen, was, da er von einem Sohn jüdisch-russischer Einwanderer ausging, seinen ungewöhnlichen Charakter noch unterstrich - ohne dass er je aufhörte, wahr zu sein. Und so kamen bessere Tage. Bis die Zeit des Jom-Kippur-Festes angebrochen war. Wie es alljährlich um den Versöhnungstag herum geschah, brachte meine Großmutter eines schönen Nachmittags vom Markt ein Huhn mit.
   Lebend.
   Den Ablaufplan, dem von nun an zu folgen war, kannte ich auswendig, Grund genug, weshalb ich mich stets geweigert hatte, das Fleisch irgendeines Geflügels zu essen. Ein einziges Grauen: Das Tier würde mit einem seiner Füße an den Waschtrog gefesselt und bliebe etwa drei Tage im Wirtschaftsbereich gefangen, der Boden mit Zeitungspapier ausgelegt, um ihn vor dem Kot zu schützen. Dort würde es in einem Holznapf nach dicken, gelben Maiskörnern scharren. Für mich war das Schauspiel mehr als schrecklich: die Henkersmahlzeit der Verurteilten, hervorgescharrt in einem groben hölzernen Behältnis. Ich, die ich die Wohnung ausgerechnet durch den Hintereingang zu betreten pflegte, würde mehrmals an ihr vorübergehen, den Blick mit dem ohnmächtigen Schuldgefühl abgewendet, sie in ihrem Entsetzen als Gefangene ihrer eigenen Natur und ihres Hühnerschicksals allein zu lassen - ihr Sarg wäre eine Bratpfanne, der Leib mit den kurzen Flügeln und den gespreizten Beinen umgeben von im goldfarbenen Fett glänzenden Kartoffeln und Zwiebeln. Am Vorabend des Essens, das die Fastenzeit beenden würde, bräche ein Gezeter in der Küche los: Großmutter oj-oj-oj rufend, das Huhn verzweifelt gackernd, beide sich in einer ungleichen Schlacht beschimpfend. Die Ohren mit den flachen Händen bedeckt, würde ich vor dem Gefecht fliehen und beten, dass das Ganze vorbei wäre, vorbei wäre, vorbei wäre. In dem Kampf, der von einem ekelhaften Geruch nach Verbranntem begleitet würde, gäbe es nur einen Sieger. Das war, meinem Vater zufolge, das Gesetz des Stärkeren: die Umkehrung der Geschichte von David und dem Riesen Goliath.
  Schließlich würde Grabesruhe herrschen - auf diese Weise lernte ich die ersten Trauerfälle meines Lebens durchzustehen. Großmutter riefe mich bei meinem jiddischen Namen, eine sehr ernste Angelegenheit. Ich ginge in die Küche, voller Beklommenheit die tragische Szene schon vor Augen, das Huhn, wie es mit den Füßen am Wasserhahn hing, während das Blut aus dem Schnitt in der Kehle auf das weiße Steingut des Spülbeckens troff. Eine Welle von Übelkeit, und ich blieb dort mitten auf dem Fliesenboden stehen, angespannt vor Gehorsam, damit Großmutter das tote Tier siebenmal über meinem Kopf kreisen lassen und irgendeinen merkwürdigen Segensspruch aufsagen könnte. Fertig: das unreine Blut des Vogels wäre durch den Ausguss abgeflossen, und ich hätte an einem weiteren seltsamen Ritual der Vorfahren teilgenommen. Der Tod des Huhns, sagte Großmutter mit ihrem unbeholfenen Akzent, habe alle mich umgebenden Schlechtigkeiten fortgetragen. Armes Tier.
   Dank des wachen Instinkts, an den ich mich zu gewöhnen begann, ging ich an jenem Abend, noch bevor der finstere Moment gekommen war, in die Küche. Das Huhn gackerte wild: die grauen Federn gesträubt, den Fuß mit einer Schnur an den Waschtrog gefesselt, schwindlig angesichts seiner tierischen Bestimmung. Ohne Verständnis für das Unausweichliche der Situation versuchte es, der Opferung zu entrinnen. Gedankenverloren vor sich hin trällernd, scheuerte die Großmutter den Reistopf mit einem Stück Sapólio aus. Es war unmenschlich: wie konnte sie, gerade sie, gleichgültig gegenüber dem Entsetzen dort neben sich sein?
   Und da geschah es: das Huhn blickte mich an. Ein Blick voller Hoffnung, als besäße ich eine messianische Macht. Die schwarzen Pupillen des Huhns, einen wächsernen Schrecken zwischen den mandelförmigen Lidern gebannt, erflehten eine erlösende Tat von dem Kind, das ich war. Rettende Liebe war eigentlich Sache der Erwachsenen. Doch es gab einen Moment, in dem die Güte mich überkam: weil ich eines Tages Mutter sein würde und weil ich Tochter und Enkelin und Schwester und Nichte war. Nachdem ich mich hingekauert hatte, liebkoste ich es eine Weile, strich ihm über den zarten dunkelroten Kamm, und das Huhn ließ sich streicheln, als wäre es eine Katze oder ein Hündchen. Als wäre es kein Huhn. Irgendetwas geschah, in mir und in ihm, etwas, das ich nicht gleich verstehen konnte. Heute weiß ich, dass das Huhn von einer schwachen, unklaren Hoffnung ergriffen wurde, in jedem Fall aber von Hoffnung. Herrin eines Lebens, Schöpferin einer Wahrheit, sagte ich im Vollbesitz meiner erlösenden Macht:
   „Dieses Huhn wird nicht sterben“, und um die Einhaltung meines Gebots zu gewährleisten, machte ich das Tier zum Menschen: „Sein Name soll Hortênsia sein.“


   Beim Essen zu Jom Kippur stand weit mehr auf dem Tisch, als nötig gewesen wäre, um den Hunger zu stillen: es gab Kartoffel-Bagels, deren geröstete Krusten krachten, mit Käse gefüllte Teigtaschen, weich geformt aus Fett und Mehl, Salate aus in einer dicken süßsauren Sahne schwimmenden Mangos und Melonen, eine Torte mit Auberginen und Zwiebeln, die im Licht des silbernen Leuchters glänzten. Zu den Fischbällchen wurde Kren mit der intensiven Farbe der roten Rüben serviert: wir aßen gefillte fisch in einer Soße aus Gurkenscheiben, Pfefferschoten und Tomaten. Satt und zufrieden, befanden wir uns in froher Erwartung des neuen Jahres, aber trotzdem beschwerten sich meine Brüder. Es war das erste Jom Kippur, bei dem kein Streit um die Hühnerschenkel aufkam. Denn es gab kein Huhn. Das Gute hatte gesiegt.
   Ich aß nicht einmal richtig zu Ende und bat um Erlaubnis, nach Hortênsia sehen zu dürfen, die im Wirtschaftsbereich bequem in einem Tage zuvor aufgestellten Strohkörbchen saß. Da es der höchste Feiertag war, fiel der Kommentar meines Vaters an der Stirnseite des Tisches gemäßigt aus:
   „Nein, so was.“


   Im Morgengrauen wurde die Wohnung von einem wahren Weltuntergangsgeschrei erschüttert: Hortênsia rang unter Gegacker und Flügelschlagen mit dem Tod. Ich sprang aus dem Bett. Mutter trat aus dem Schlafzimmer und knöpfte sich den Morgenmantel zu, mit nacktem Oberkörper kam Vater hinterher. Im Wirtschaftsbereich brannte Licht. Ich erkannte Großmutters Gestalt, wie sie vor Hortênsia stand, die sich ihrerseits im Nest erhoben hatte. Die Arme unseres Großmütterchens hingen an den Seiten herab, Hortênsia hörte nicht auf, mit den Flügeln zu schlagen. Vater bohrte den Zeigefinger durch die Luft und deutete auf die Überraschung.
   „Ein Ei“, rief er schrill vor Erstaunen, „das Huhn hat ein Ei gelegt.“
   Großmutters Gesicht leuchtete auf. Sie sagte, was man in solchen Augenblicken zu sagen pflegt, auf Jiddisch natürlich und auf Portugiesisch:
   „Mazel tov“, lautete die Weissagung künftigen Glücks. „Möge es uns willkommen sein.“
   Mutter, die Babys immer geliebt hatte, war gerührt:
   „Wie reizend!“
   Noch schlaftrunken, brauchte ich eine Weile, um zu begreifen. Dann ließ Mutter die Jungen wecken, alle sollten kommen, weil das Huhn jetzt ebenfalls Mutter sei. Mein Bruder merkte als erster, worum es ging:
   „In dem Ei ist ein Küken?“
   Vater blickte von einem zum anderen. Seine Miene war niedergeschmettert:
   „Mir passieren aber auch die unmöglichsten Dinge.





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