ISSN 2359-4101

Brazilian Literature in Translation / Literatura Brasileña en Traducción

Issue / Numero

year/año: 2012
issue/numero: # 02



Die Meisterschaft


Author | Autor: Flávio Carneiro


Translated by Wolf-Dieter Schmidt

1.



Als der Direktor mich rufen ließ, wusste ich schon, worum es ging.
  ”Sie können hereinkommen“, sagte er. Ich war schon halb im Zimmer, die Tür stand zur Hälfte offen. Ich ging ganz hinein und wartete im Stehen. Er zeigte mit einer fast unmerklichen Kopfbewegung und ohne die Augen von dem Papier zu wenden, auf das er irgendwas schrieb, auf den Stuhl. Ich wartete.
  Zu sitzen, ohne etwas zu tun, wenn auch nur für kurze Zeit, machte mich unruhig. Vor allem, da ich wusste, dass in meiner mir unentbehrlichen Tasche ein Buch steckte. Eben jenes Buch, das ich gerade ruhig in meiner Ecke las, als mir die Sekretärin mitteilte, dass mich der Direktor zu sprechen wünschte. Ich hasse es, wenn man mich bei meiner Lektüre stört, aber es war immerhin Dr. Camargo, der mich rufen ließ. Ich musste gehen.
  Ich war zwar anwesend, aber meine Gedanken waren bei dem Roman, den ich gerade gelesen hatte, einem Krimi. Ich steckte die Hand in die Tasche und hielt das kleine Buch fest. Ich schaute auf die Uhr an der Wand: Vier Minuten, ich saß schon vier lange Minuten auf diesem Stuhl.
  ”Das ist eine Folter“, dachte ich, ”der will mich foltern“. Als ich begonnen hatte, in der Bibliothek zu arbeiten, war das Erste, was der Direktor mir sagte, noch bevor er mich begrüßte, das heißt, er begrüßte mich eigentlich gar nicht: ”Es ist verboten, während der Arbeitszeit zu lesen“.
  ”Natürlich, Dr. Camargo“, sagte ich. Aber ich war angepisst. In einer Bibliothek arbeiten, aber nicht lesen dürfen? Schweinerei.
  Ich dachte an die Folgen, wenn ich das Buch aus der Tasche herausholte und zu lesen begänne, direkt vor den Augen des Direktors. ”Er kann mich fertig machen“, dachte ich, ”aber das wird er ja eh irgendwie tun. Entweder, er zieht mir was von meinem letzten Gehalt ab, oder er ruft meinen Bruder an, den Ärmsten, der mir als Freund von Dr. Camargo diesen Job verschafft hatte“. Der würde sagen:
  ”Da hast du mir ja einen tollen Idioten angeschleppt.“ Das letzte, das ich im Leben wollte, war, meinem Bruder Unannehmlichkeiten zu bereiten.
  Ich rutschte ein bisschen mit meinem Stuhl, wobei ein Geräusch entstand. Dr. Camargo war ein unerträglicher Kerl. Er ließ sich gerne mit dem Doktor vor seinem Namen ansprechen. Er hatte mit Ach und Krach die Uni beendet und nie mehr in seinem Leben studiert, hatte sich sein Leben eingerichtet, indem er sich bei anderen eingeschleimt hatte, war in die Politik gegangen, und jetzt war er Doktor. Große Scheiße. Ich schaute auf die Uhr: Fünf Minuten.
  Es gefiel ihm nicht, dass ich Lärm gemacht hatte. Er hob ein wenig die Augen, ohne den Kopf zu bewegen, und schaute über den Rand seiner kleinen Brille. So eine mit einem Kettchen um den Hals. Er schrieb weiter.
  Ich hatte meine Tasche auf dem Schoß und ohne, dass es mir bewusst geworden war, hatten meine Hände das Buch schon in eine Position gebracht, die es mir ermöglichte, zu lesen, ohne es aus der Tasche zu holen. Es genügte, das Buch da zu lassen, wo es war, die zuletzt gelesene Seite aufgeschlagen und nur die Augen ein bisschen nach unten zu wenden und in Richtung meiner Knie zu schauen.
  Wenn der Direktor noch dreißig Sekunden so weiter machte, wusste ich schon, was passieren würde. Ich würde die Kontrolle verlieren. Ich spürte, dass das Buch jeden Augenblick wie ein Fisch aus der Tasche springen würde. Ich musste etwas tun, also sagte ich:
  ”Dr. Camargo, ich weiß, dass Sie ...“
  ”Was wissen Sie?“ fragte er und schaute mir ins Gesicht, wobei er die Brille mit einer brüsken Bewegung abnahm.
  ”Nichts.“
  ”Senhor André“, er nannte mich zum ersten Mal Senhor, und meine Beine zitterten, ”sagen Sie mir eins: Haben Sie ein Diplom als Bibliothekar?“
  Ich legte mir gerade eine Antwort zurecht, aber er antwortete selbst:
  ”Nein, haben Sie nicht. Haben Sie irgendwelche Erfahrungen, haben Sie schon mal ein Praktikum oder etwas Ähnliches gemacht? Nein, keinerlei Erfahrung. Haben Sie wenigstens vorher schon mal eine öffentliche Bibliothek betreten? Niemals. Aber wie kommt es dann, dass Sie hier sind? Wie, Senhor André? Sie wissen es nicht. Dann werde ich Ihnen antworten: Glück, pures Glück. Sie sind in der glücklichen Lage, einen Bruder zu haben, der der Freund des Direktors einer Bibliothek wie dieser ist und der Ihnen ein gutes Gehalt bieten kann, selbst wenn Sie das sind, was Sie sind, ein Niemand!“
  Es war schwierig, dennoch gelang es mir, fast einen ganzen Absatz zu lesen, während Dr. Camargo mich derart fertig machte. Ich hielt die Augen gesenkt, als ob ich mich für etwas schämte. Meine Hände befanden sich in der Tasche und ich schaute auch nicht auf meine Füße, wie Dr. Camargo vielleicht meinte, sondern auf die Seite, auf der ich beim Lesen unterbrochen worden war. Wenn er noch ein bisschen so weiter redete, wer weiß, ich käme vielleicht noch bis zum Ende der Seite.
  ”Was habe ich Ihnen gesagt, als Sie hierhergekommen sind?“
  Ich schwieg, wartete und las. Zum Glück machte er eine riesen Pause – er genoss wahrscheinlich meine Erniedrigung, das Schwein – eine Pause, lange genug, um den Absatz zu Ende zu lesen. Ich hob ein wenig den Blick: Ob es wohl möglich war umzublättern? Ich hatte Pech, denn als Dr. Camargo meine Augen sah, schöpfte er wohl neue Energie und erhob die Stimme derart, dass ich erschrak und unmöglich die Seite umblättern konnte. Aber ich ließ das Buch geöffnet.
  Er sprach schon nicht mehr, sondern knurrte von oben herab:
  ”Sie wissen es. Nun, es ist das dritte Mal, wohlgemerkt, nicht das erste und nicht das zweite Mal, es ist das dritte Mal, dass ich Sie während der Arbeitszeit beim Lesen erwische. Habe ich Recht?“
  Ich schwieg. Ich hatte beschlossen, kein Wort mehr zu sagen. ”Ich komme an den Tresen und was sehe ich? Ein Benutzer wartet darauf, bedient zu werden, die anderen Angestellten sind beschäftigt und Sie lesen einfach.“
  In einer Bibliothek zu arbeiten, war definitiv keine gute Idee.
  Der Direktor machte eine kleine Pause. Er holte tief Luft, sein Gesicht war immer noch rot, knallrot. Etwas ruhiger sagte er mit fast unbewegter Stimme:
  ”Sie sind entlassen“.
  Ich schloss meine Tasche und erhob mich ohne etwas zu sagen. Ich drehte mich um und marschierte zur Tür.
  ”Sie können ins Personalbüro gehen und Ihre Papiere holen“, sagte er, als ich schon die Klinke in der Hand hatte. Ich tat so, als hätte ich nichts gehört, noch hatte ich ein kleines bisschen Würde.
   In der Personalabteilung gab mir eine ältere Frau einen Scheck. ”Sie haben Glück“, sagte sie und schaute auf die Uhr, ”halb vier, es ist genug Zeit, ihn heute noch einzulösen“.
  Sie war an diesem Tag schon die zweite Person, die mir sagte, ich hätte Glück. Das gefiel mir nicht. Ich lief im Eilschritt die Treppen hinunter. Ich nahm den Bus, stieg vor der Bank aus, ging hinein und löste den Scheck ein. Es war eine fürchterliche Hitze und ich dachte nur an eins:
   Bier.
  Ich blieb an der ersten Bar stehen, einer Spelunke im Stadtzentrum. Es gab nur zwei Stühle drin und drei auf dem Gehsteig. Leute gingen vorbei, Busse, Qualm, Lärm, mir war alles egal. Ein Tisch war noch frei. Mein Gott, was wird in dieser Stadt getrunken … Es war vier Uhr nachmittags und diese Kneipe hatte nur noch einen einzigen freien Tisch.
  Ich setzte mich, bestellte ein kaltes Bier und holte das Buch aus der Tasche.
  Es war nicht der beste Ort, um ein Buch zu lesen, aber ich war nicht wählerisch.
  Ich machte es mir auf dem Stuhl bequem, füllte mein Glas und nahm einen großen Schluck. Bevor ich meinen Roman öffnete, sagte ich noch ganz laut, fast schreiend:
  ”Scher dich zum Teufel, Dr. Camargo!“
  Niemand verstand etwas.





"Weißt du, wie man so was nennt, weißt du, wie man so was nennt?“ Raquel war wütend. Wenn sie so die Dinge wiederholt, ist sie wütend, das weiß ich schon.
  ”Besessenheit, kennst du dieses Wort: Besessenheit. Du bist besessen, André.“
  Ich ließ sie reden. Frauen müssen viel reden. Das ist wie atmen. Sie fühlen sich schlecht, wenn sie nicht viel reden können. Das ist was Organisches, glaube ich. Bevor sie weitermachte, ging Raquel zum Nachttischchen, nahm eine Packung Zigaretten, zündete eine daraus an, machte nur einen Zug und drückte die Zigarette voller Wut wieder im Aschenbecher aus. Dabei machte sie die gleiche Bewegung wie das Mädchen im Film, den wir letzte Nacht gesehen hatten. Ich fand es lustig.
   ”Über was lachst du? Worüber lachst du, André?“
   Raquel hatte verstanden, ich merkte, dass sie es nicht lustig fand und wurde wieder ernst.
   ”Wusstest du, André, dass es Leute gibt, die ihr ganzes Leben lang arbeiten, ohne jemals entlassen zu werden, wusstest du das? Du bist sechsundzwanzig, André, du arbeitest erst seit zwei Jahren und es ist das dritte Mal, dass sie dich heimschicken! Okay, in der Bibliothek hat es ein bisschen länger gedauert, das ist schon ein Fortschritt, aber ist es normal, wenn jemand drei Arbeitsstellen verliert?
   Antworte mir, ist das normal?“
   Ich musste nicht antworten.
   ”Nein, es ist nicht normal. Wenn du bei der Arbeit trinken würdest, okay, das wäre ein Grund. Du wurdest entlassen, weil du zuviel trinkst. Wir würden zu den Anonymen Alkoholikern gehen, du würdest dich behandeln lassen. Aber nein, das ist nicht das Problem. Drogen? Nein. Schlaflosigkeit. Jemand, der dich nicht kennt, könnte sagen: Er leidet in der Nacht unter Schlaflosigkeit und bei der Arbeit schläft er. Auch nicht. Er ist ein Streithahn, Frauenheld, Gauner. Nichts davon. Was ist es dann? würde ein normaler Mensch fragen. Das Problem, mein Herr ...“
   Ich liebte es, wenn Raquel so tat, als ob sie mit jemandem sprechen würde und die antwortende Person imitierte. Sie änderte ihre Stimme, ihren Gesichtsausdruck.
   Ich amüsierte mich köstlich und vergaß dabei ganz, dass ich es war, der hier zusammengestaucht wurde.
   ”Das Problem ist, dass dieser Mitbürger während seiner Arbeitszeit liest. Das, nur das. Er ist ein Zwangsleser.“
   Sie begann zu weinen. Raquel war meine Freundin, wir wollten heiraten, sobald ich irgendeine feste Arbeit hatte. Aber es war schwierig. Alles nur wegen der Bücher.
   ”Du, André, du ...“
   Sie sprach und weinte gleichzeitig. Es war furchtbar traurig.
   ”Es ist nicht meine Schuld, dass ich gerne lese“, riskierte ich einzuwenden. Sie schaltete exzellent ein:
   ”Du liest nicht gern. Wer gern liest, liest zu Hause, oder am Strand, oder in der Metro, oder in der ...“ Beinahe hätte sie Bibliothek gesagt. ”Wer gern liest, hört deswegen nicht auf zu arbeiten. Dein Problem, André, dein Problem ist, dass du abhängig bist, verstehst du, du bist krank!“
   Das tat weh. Raquel merkte, dass sie etwas zu weit gegangen war. Sie kam herüber, setzte sich neben mich, wischte ihre Tränen ab und streichelte mein Gesicht.
   ”Morgen, Liebling“, sagte sie, ”du brauchst gar nichts einwenden, weil ich es schon festgemacht habe, morgen gehen wir zu Doktor Epifânio de Morais Netto.“ Noch ein Doktor in meinem Leben, dachte ich, sagte aber nichts.





"D as Erste, was mir in der Praxis auffiel, war die Reinlichkeit. Meine Wohnung sah nach dem Tod meiner Eltern wie ein Schweinestall aus. Ich ließ alles herumliegen, Geschirr in der Spüle, der Abfall verstopfte die Mülleimer in Küche und Bad, schmutzige Wäsche lag überall herum, Essensreste auf dem Sofa und im Bett, Kaffeeflecken und Bierdosen überall.
   Raquel kümmerte sich um mich. Wir wohnten nicht zusammen, aber sie schlief unter der Woche an einigen Tagen bei mir und sorgte für Ordnung. Sie wusch die Teller und sagte immer wieder, dass ich eine Putzfrau einstellen sollte.
   Als ob ich Geld übrig hätte.
   Dennoch kam es immer wieder zu der einen oder anderen erniedrigenden Szene, wie zum Beispiel der Anblick des halben Glases mit Erdbeerjoghurt.
   Raquel war verreist und das halbe Glas Joghurt wurde auf dem Wohnzimmertisch zwei Wochen lang vergessen. Es produzierte die höchste Anzahl von Pilzen und Bakterien, die je in einem bewohnten Haus registriert wurde.
   Bei allem guten Willen von Raquel dachte ich manchmal, dass doch alles sehr schmutzig war: Meine Wohnung, meine Kleider, meine Haare, mein Leben. In der Praxis standen helle Möbel, das Sofa hatte einen blauen, durchsichtigen Überzug, die Klimaanlage machte nicht das geringste Geräusch, die Teppiche, die Wände, die Kleidung der Empfangsdame, ihre hochgesteckte Frisur, das Telefon, die Decke, die Bilder an den Wänden, alles strahlte Sauberkeit aus. Jedes Insekt, jede armselige Mikrobe würde sich schämen, hier zu sein. Ich wusste nicht, was mit mir passieren würde, als ich die Praxis von Dr. Epifânio de Morais Netto betrat, aber auf dem weichen Sofa zu sitzen, war wie im Paradies. Ich hätte auf diesem Sofa sterben können. Sterben und dabei in die grünen Augen der Sekretärin schauen. Es waren diese Augen, die ich anstarrte, als das Haustelefon auf dem Tisch läutete und sie abnahm.
   ”Ja, Doktor. Sie können eintreten, bitteschön.“
   Als ich an ihr vorbeiging, versuchte ich einen anderen Blick hinzukriegen, einen verführerischen Ausdruck, was aber nicht leicht war, weil ich mich im Grunde lächerlich fühlte. Ich war hier in dieser Praxis mit meiner Freundin, wie ein Kind, das mit seiner Mutter zum Doktor geht. Die Sekretärin dachte bestimmt: was für ein Schwächling. Ein verrückter Schwächling!
   Doktor Epifânio de Morais Netto war ein kompletter, perfekter, absoluter Schmierendarsteller. ”Gestern war ein Foto von ihm in der Zeitung“, hatte Raquel erzählt und sie war ganz angespannt, als wir am Haus des Schmierendarstellers ankamen. Er hatte Interviews im Fernsehen gegeben, war auf den Titelseiten der Illustrierten, er war der Therapeut, der zurzeit in Mode war.
   Dieser Termin hatte ein Vermögen gekostet, aber mein Bruder hatte zugestimmt, die Behandlung zu bezahlen. Ich war mir sicher, dass ich keinerlei Behandlung mit Medikamenten brauchte, ich war nicht krank. Ich war nur einer, dem das Arbeiten nicht gefiel und der Routinen hasste, gar nichts Abnormes.
   Ich war nur wegen Raquel da. Liebe heißt Opfer bringen. Er empfing uns an der Tür mit strahlendem Lächeln, elegant und parfümiert. Er zeigte auf zwei Sessel und bot Kaffee, kaltes Wasser und Saft an. Raquel nahm einen Kaffee, ich wollte nichts.Der Doktor setzte sich auf seinen Platz und ließ eine Menge Fragen vom Stapel. Am Anfang antwortete ich noch selbst, erklärte meinen Fall und nannte Einzelheiten. Er hörte zu, nickte zustimmend mit dem Kopf, machte ”aha“ und setzte ein idiotisches Lächeln auf.
   Er fragte, welche Art von Büchern ich zu lesen pflegte. Ich antwortete, dass ich immer gerne Romane las oder auch mal Gedichte. Journale und Zeitschriften waren nicht mein Ding und vor allem hasste ich Selbsthilfe-Bücher. Er hatte schon fünfzehn Selbsthilfebücher veröffentlicht und fragte, warum ich sie nicht mochte.
   Ich sagte, dass mich das reale Leben nicht interessiere.
   ”Ganz so ist es nicht, Doktor“, unterbrach Raquel und erklärte, dass ich übertrieben hätte. Ganz so verrückt, wie es schien, sei ich nicht. Doktor Epifânio kratzte sich nachdenklich am Kinn.
   Es war in der Tat nicht ganz so, ich wollte den Schmierendarsteller provozieren, aber ein Quäntchen Wahrheit war schon dran an dem, was ich gesagt hatte. Manchmal las ich die Sportseiten irgendeiner Zeitung, aber mein Laster war die Literatur. Und in den letzten zwei Jahren hatte ich eine andere Manie entwickelt. Eine Art spezieller Manie innerhalb der allgemeinen Manie: Ich las nur noch Kriminalgeschichten. ”Nur Kriminalgeschichten? Wird das nicht einmal Zuviel?“ Ich betrachtete sein dickes Gesicht. Ich hatte mich maximal beherrscht, um nicht grob zu dem Kerl zu sein. Ich wollte Raquel nicht widersprechen, aber dieses Mal war es unmöglich und ich sagte:
   ”Wenn es mir Zuviel geworden wäre, wäre ich nicht hier.“
   Der Doktor starrte mich eine Zeit lang an, ohne etwas zu sagen. Zwei Schweigende saßen sich gegenüber. Dann sagte er: ”Klar“ und schrieb etwas auf einen Zettel.
   Er fuhr fort, zu fragen und ich antwortete. Er hörte zu, wackelte mit dem Kopf und zeigte jenes Lächeln, als ob er sagen wollte: ”Ich kenne schon diesen Typen“.
   Ich war nervös.
   Als die Befragung beendet war, kommentierte Dr. Epifânio mit allgemeinen Worten, wie er betonte, meinen Fall. Nach jedem zweiten Wort sagte er ”also“.
   Wenn es etwas auf der Welt gibt, dass ich hasse, dann sind es Leute, die ”also“ sagen. Er sagte: ”Weil, sehen Sie, ihr Fall, wie soll ich sagen ... also.“ 
  Also was? Er hatte vor dem ”also“ nichts gesagt!
   Er sagte ”also“ noch zweihundertmal, dann begann er wieder, Fragen zu stellen. Dieser Unsinn begann, mich zu ermüden. Er hängte eine Reihe von Fachbegriffen aneinander, einige abgedroschene Kommentare, auswendig gelernte Sachen.
   Sogar ein Laie wie ich konnte sehen, dass alles nur leeres Geschwätz war und ich schaltete ab. Er fragte und ich antwortete mit ”ha?“ Raquel hasste dieses ”ha?“ von mir. Man konnte es verstehen als: Ich habe überhaupt nichts gehört von dem, was du gesagt hast.
   Raquel übernahm die Führung, sie beantwortete nun die Fragen an meiner Stelle und da änderte auch Dr. Epifânio seinen Ton, die Kanaille. Raquel war eine schöne Frau, sie war blond, groß, mit perfektem Körper. Sie zog die Blicke auf sich, wo sie auftauchte. Ich hatte immer Pech mit den Frauen, ich bekam immer nur die hässlichen ab, aber mit Raquel hatte ich verdammtes Glück.
   Dr. Epifânio sprach mit Honig auf der Zunge und während der Sätze warf er jene schmutzigen Blicke eines alten Schweinehundes auf Raquel. Sie redete einfach weiter. Vielleicht hatte sie gar nichts bemerkt, oder hielt es für lächerlich.
   Sie sprach weiter über mich, während ich nur den Lump mit seinen Grimassen und seinen glatten Worten beobachtete. Als er zu Raquel ”Meine Liebe“ sagte, stand ich auf und sagte: ”Für heute reicht’s“.
   Er erschrak. Ich glaube, er hatte ganz vergessen, dass ich auch da war. Dann sagte er zynisch: ”Wie Sie möchten. Die Stunde ist sowieso gleich beendet“. 





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